Das Stadthaus Tü 22

Das Geschäfts- und Wohnhaus mit der Adresse Tübinger Straße 22, die Tü 22, war schon immer ein Schmuckstück des Gerberviertels. Es befindet sich an der östlichen Ecke des GERBER-Geländes – dort, wo sich Tübinger Straße und Sophienstraße kreuzen – und stammt von 1900.

Bauherr war der Weinhändler Julius Adler, dessen Name an der Fassade steht. Die Architektur trägt die Handschrift von Alfred Seitz. Von ihm sind in Stuttgart zahlreiche weitere Bauten erhalten. Die Tü 22 war für damals modern konstruiert und zugleich reich dekoriert im historistischen Stilmix jener Zeit. Ihre noble Anmutung kommt auch aus der präzisen Verarbeitung des Natursteins.

Anfang der 1930er Jahre ging das Haus in den Besitz der ARA Allgemeine Rentenanstalt über, der Vorgängerinstitution der Württembergischen Lebensversicherung. Im Zweiten Weltkrieg erlitt es Schäden, die man weitgehend beseitigte. Die Tü 22 blieb ein sichtbares Symbol städtischen Bewusstseins.

Beim Projekt GERBER war bald klar, dass dieses Kulturdenkmal integriert werden soll, als dritter Eingang zum Einkaufszentrum. Die Architektur des Neubaus nimmt Elemente des Hauses Tü 22 auf; unter anderem wurde es mit seinen Arkaturen zum Rhythmusgeber der umlaufenden Fassade.

Ziel war, möglichst viel von der alten Bausubstanz zu konservieren. Diese wurde eingehend untersucht, und dabei erwiesen sich die Wände und Decken leider als nicht tragfähig genug, um sie weiter zu nutzen und die heute geltenden Brandschutz-, Schallschutz- und Wärmeschutzanforderungen einzuhalten.

Also rekonstruierten wir die direkt hinter der Außenfassade gelegenen Räume so, dass sie optisch dem alten Bestand entsprechen. Erhalten konnten wir Untergeschosse sowie ein Treppenhaus. Und natürlich die historistische Fassade: Sie wurde nach Originalplänen sorgfältig restauriert. Während dieser Zeit war sie mit einer fast 1.000 Quadratmeter großen, bedruckten PVC-Plane verkleidet. Danach erstrahlte sie in neuem Glanz.

Bei den Arbeiten stieß man auf einen Grundstein, der heute im Boden des Eingangs zu besichtigen ist. Die Beschriftung des Steins lässt darauf schließen, dass er von einem Vorgängerbau stammt. Die Tü 22 war demnach ein Neubau an alter Stelle, und diese Stelle offenbar seit jeher ein Ort der Innovation.

Das bleibt so: Der amerikanische Lifestyle-Anbieter Urban Outfitters hat diesen Teil des GERBER gemietet und sich auf drei Stockwerken eingerichtet. Er ist bekannt dafür, sein Ladendesign in historischen Bauten sehr kreativ zu gestalten, immer angepasst an die vorhandene Struktur. In der Tü 22 fand Urban Outfitters dafür in Stuttgart das perfekte Umfeld.

Haus Tü 22
Wurde ins GERBER integriert und inspirierte dessen Architektur: das Haus Tü 22. Bild: Sebastian Berger
Dritter Eingang
Es bildet den dritten Eingang des Einkaufszentrums. Bild: Arne Klett
Figur in der Fassade
Fassadendetail: Figur über dem Eingang. Bild: Arne Klett
Fassadenrenovation
Die Fassade wurde nach Originalplänen restauriert. Bild: Andrzej Jan Estko
Grundstein
Bei den Arbeiten gefunden: Grundstein des Vorgängerbaus. Bild: Gassmann + Grossmann
Rohbauer in der Tü 22
Die ARGE Rohbau im Innern des Hauses, im Juli 2013. Bild: Ed. Züblin AG
Urban Outfitters
So kreativ nutzt Urban Outfitters die Tü 22: das Innenleben heute.
Bild: Arne Klett
...
...