Visualisierung: Aldinger & Wolf

Professor Bernd Albers zur Architektur des GERBER

Bernd Albers
Bernd Albers im Interview vom 20. April 2012, am Tag der Grundsteinlegung. Er steht vor dem historischen Eckhaus Tübinger Straße 22, das ihm als Vorbild und Inspiration diente. Bild: Rainer Mann

Redaktion GERBER-Website: Herr Professor Albers, die Philosophie Ihres Büros lautet: „Aufgeregte Architektur gibt es reichlich, aufregende Architektur ist dagegen eher selten. Ganz selbstverständlich arbeiten wir am Aufregenden, ganz unaufgeregt arbeiten wir am Selbstverständlichen.“ Was wird an der Architektur des GERBER aufregend selbstverständlich?

Bernd Albers: Die Visualisierungen zeigen es – es entsteht ein großstädtischer Bau mit gemischten Nutzungen, räumlichen Gesten und einer ebenso stolzen wie selbstbewussten Stadtfassade.

In Arbeitsgemeinschaft mit der Stuttgarter EPA Planungsgruppe konnten wir aus dem Wettbewerbsprojekt heraus ein wirklich in Stuttgart verortetes Projekt entwickeln. Ein Projekt, das städtebaulich und architektonisch ebenso aufregend wie selbstverständlich wird.

Einkaufen, Arbeiten, Wohnen und außerdem Parken – wie haben Sie dies in einem Gebäude untergebracht?

Diese Mischung ist schon ziemlich einzigartig, andere Städte träumen meist noch von solchen gemischten Nutzungen in ihren Stadtzentren.

Der Handel bildet im wahrsten Sinne die Grundlage oder – architektonisch formuliert – den Sockel des Gebäudes. Über drei Geschosse wird hier Handel getrieben. Die großzügige Mall mit ihren drei Eingängen verbindet die unterschiedlichen Stadtstraßen miteinander und ist ein attraktiver Raum zum Einkaufen und Erholen. Und natürlich gibt es im Untergeschoss auch Parkplätze.

Auf dem Sockel ist Platz für Büros und Wohnungen, die sich um eine begrünten Hof gruppieren. Eigentlich stellt das Projekt sich so oberhalb des Sockels als „Stadt in der Stadt“ dar – eine echte Attraktion für die Stuttgarter Innenstadt.

Wie binden Sie die Räume und Bauten der Nachbarschaft architektonisch und stadträumlich ein?

Das schöne Eckhaus an der Tübinger Straße 22 binden wir nicht nur direkt in das GERBER ein, sondern wir transformieren auch Teile seiner architektonischen Sprache. Dieses historische Gebäude ist ein für Stuttgart sehr typisches Stadthaus. Es war für uns immer von besonderer architektonischer Bedeutung, mit seinem mehrgeschossigen Handelssockel und den kleinteiligen Wohnungen respektive Büros darüber. Es hat gewissermaßen Vorbildcharakter.

Stadträumlich sind vor allem die kleinen Plätze vor den Haupteingängen der Mall wichtig. Die bestehenden Straßenräume werden dadurch ganz direkt in unser Projekt integriert und bereichert.

Können Sie uns die Leitgedanken zur Fassadengestaltung umreißen?

In der Fassade kommt der städtische Charakter des Handels sehr direkt zum Ausdruck. Die hohen Fensterfronten im Sockel verkörpern das positive Verhältnis von Stadt und Handel besonders auch im Straßenraum. Sie sind ebenfalls vom Haus Tübinger Straße 22 inspiriert. Weiter findet sich dessen Bogenmotivik wieder.

Die gelblich-beige Farbgebung nimmt ebenfalls das auf, was es in Stuttgart schon gibt. Der helle Kalkstein wird eine ganz eigene Strahlkraft entwickeln, die für Solidität und Dauerhaftigkeit steht und in die Stuttgarter Innenstadt passt – hier findet man keine Backsteinbauten oder weiße Häuser. Diese urbane Ästhetik der Innenstadt bewährt sich an anderen Stellen in der unmittelbaren Nachbarschaft und natürlich längs der Königstraße ganz selbstverständlich.

Oberhalb des Handels wird die Architektur der Büros und Wohnungen dann entsprechend kleinteiliger und weiter verfeinert.

Es gibt kritische Stimmen, die befürchten, das GERBER werde ein „großer Block“ – ein Gebäude, das besser nach Berlin als in die Stuttgarter Innenstadt passen würde. Wie sehen Sie das?

In Berlin kenne ich leider kein vergleichbar interessantes Projekt ... Die Furcht vor großen Häusern ist erst einmal menschlich. Man kann sich aber auch auf große Häuser freuen. Und ich meine, dass die Stuttgarter sich auf das GERBER freuen dürfen.

Das Gebäude greift architektonische Motive der Stuttgarter Innenstadt auf und passt sich an die sehr spezielle und interessante Topografie an. Durch das Gefälle wird der Handelssockel an der Marienstraße bis 12 Meter hoch und tritt gleichzeitig an der Tübinger Straße mit einer Höhe von 18 Metern bis zur Traufe in Erscheinung.

Damit gewinnt der Bau eine spezielle Differenziertheit – und einen spielerisch-kompositorischen Charakter: Der „große Block“ wird als eine Versammlung verschiedener Häuser erlebbar. Die beiden unterschiedlichen Portale und die gerundete Ecke an der Paulinenstraße verstärken diese Individualisierung noch auf ihre Art.

Das Projekt ist in enger Abstimmung und sehr angenehmer Zusammenarbeit mit Städteplanern und Politikern entstanden. Es genießt in Stuttgart heute große Zustimmung – ich bin der Überzeugung, dass das GERBER bestens hierher passt.

-> Visualisierungen der GERBER-Architektur

Professor Bernd Albers, Dipl.-Ing. Architekt BDA

Geboren 1957 in Coesfeld (Westfalen), studierte Bernd Albers in Berlin Architektur an der Technischen Universität (TU) sowie an der Hochschule der Künste (HdK) und war in dieser Zeit freier Mitarbeiter im Büro von Professor Hans Kollhoff.

 

1987 machte er an der TU das Diplom und zog nach Zürich, wo er mit Professor Kollhoff an der Eidgenössisch Technischen Hochschule (ETH) Entwurf und Konstruktion lehrte und zugleich sein Architekturbüro gründete.

 

1993 kehrte er nach Berlin zurück. Seit 1999 ist er Professor an der Fachhochschule Potsdam, und seit 2000 führt er die BERND ALBERS Gesellschaft von Architekten mbH, die 10 bis 15 Mitarbeiter beschäftigt.

 

Bernd Albers’ Hauptinteressen gelten Großstadtarchitektur, Hotelbauten, Handelsbauten, Verwaltungsbauten und städtischem Wohnungsbau. Seine Architektur ist stark auch von den Erfahrungen in Berlin geprägt, wo in den vergangenen 20 Jahren weite Teile der Innenstadt umgebaut und um diese Themen sehr kontroverse Debatten geführt wurden.

 

Insbesondere setzt sich Bernd Albers mit den Wechselwirkungen von Architektur und Städtebau auseinander sowie mit der zukunftsfähigen Verortung von stadträumlichen wie architektonischen Traditionen und Konzepten.

 

Bernd Albers hatte diverse Gastprofessuren inne, war an Ausstellungen beteiligt und ist für seine Arbeit bereits mehrfach ausgezeichnet worden.

 
-> www.berndalbers.com

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